Popkultur
... findet in Zukunft ohne Pop statt. Den Viacomikern gehört inzwischen alles, was in Deutschland früher einmal Musikfernsehen genannt wurde, heute aber passender mit Klingeltonfernsehen bezeichnet werden muss.
Eingezwängt zwischen zwei dicken, blauen Nilpferden entdeckt der Zuschauer, der es nicht schafft schafft schnell genug weiter zu zappen, so gut wie keine Musik mehr. Selbst die wenigen Clips die noch gespielt werden sind lange Spots für Klingeltöne – das hört man, und das sieht man auch. Viva Plus blendet sogar manchmal den Schriftzug “Dauerwerbesendung” ein. Angesichts der Tatsache, dass die gesamte Airtime aller Sender an die 4 großen Mayor-Labels verkauft ist, wundert man sich dass das nicht überall gezeigt werden muss.
Die beiden einzigen Sendungen, die noch eine Musikredaktion hatten (MTV Spin und Fast Forward), senden 2005 nicht mehr. Es gibt keinen Platz noch Videos zu zeigen, die nicht in die Verwertungskette zwischen Top10-Hit und Klingelton passen. Mangels Sendemöglichkeit werden solche Videos zumindest in Deutschland nicht mehr produziert. Die Chancen deutscher Künstler bekannt zu werden, sinkt noch tiefer als sie eh schon sind, und keine Radioquote der Welt wird daran etwas ändern können.
Die Süddeutsche Zeitung hat heute drei Artikel zu diesem Thema im Feuilleton, alle drei sehr lesenswert.
In einer der vielen abgesetzten Sendungen, nämlich bei Charlotte Roche habe ich vor längerer Zeit ein Musikvideo gesehen, auf das auch einer der obigen Artikel eingeht. Ohne das Internet würde ich es wohl nie wieder sehen – obwohl es sicher einen Höhepunkt seiner sterbenden Gattung darstellt: Johnny Cashs Hurt, in Szene gesetzt von Mark Romanek. Ich empfehle es abzuspeichern und im Vollbild zu gucken.
Früher hiess es, mit dem Aufkommen des Musikfernsehens geht Kultur verloren. Paradox ist, dass mit dem Untergang des Musikfernsehens genau das passiert.
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