1. August 2008

Komm, wir ziehen nach Berlin, denn da ziehen alle hin.

Wohnungen in Berlin zu finden ist total einfach. Niemand arbeitet da, das heisst also, dass man als jemand mit einem Einkommen total aus der Masse heraussticht, und einem Millionen günstiger Wohnungen offenstehen. Ausserdem gibt es eh mehr topsanierte Altbauten, als Einwohner, da jeder, der ein paar absetzbare Mark von der Steuer retten wollte, irgendein Gründerzeithaus in einem der total angesagten Szenekieze renoviert hat. Angebot und Nachfrage sind ausser Kraft gesetzt: Mysteriöserweise ist die Stadt, in die jeder will, noch immer billig dass es nur so kracht.

Irgendwie sieht die Realität anders aus. Berlin ist da noch billig und voller Auswahl, wo es nicht ganz so „angesagt“ ist. Wobei die „Angesagtheit“ relativ ist, und je nachdem variiert, wem man fragt. Neukölln und der Wedding sind irgendwie noch „out“, aber gerade „im Kommen“, aber das ist in Berlin alles irgendwie. Im Kommen. Nur man muss auch überall hinkommen, wo es gerade „im Kommen“ ist, und da ist eine zentrale Lage des Bezirks schon von Vorteil. Also doch FHain, XBerg, PBerg, Mitte. Und da hörts auf, einfach zu sein mit der Wohnungssuche.

Ich suche also eine Wohnung. In Friedrichshain, Kreuzberg, Prenzlauer Berg oder Mitte. Wo genau sieht man auf nachfolgender Karte. Zwei Zimmer. Altbau. Dielen wären schön. Laminat geht aber auch. Ein Balkon, denn den vermisse ich wirklich in meiner aktuellen Kölner Wohnung sehr. Eine Badewanne. Einbauküche wäre toll, ansonsten muss ich halt selber eine bauen. Wäre jetzt nicht so schlimm, aber es ist schon besser, wenn eine drin ist. 50 Quadratmeter sollte die Wohnung dann mindestens haben, mehr geht auch…


Größere Kartenansicht

Inzwischen ist Berlin soweit, dass 10€/qm durchaus nicht ungewöhnlich sind, für oben beschriebene Wohnungen. Das war mal deutlich günstiger, gerade in den attraktiven Lagen. Und so zieht keiner aus: Wer sich auf einschlägigen Seiten umschaut, entdeckt unheimlich viele Wohnungen zur Zwischenmiete. Durchaus auch für drei Jahre. Seinen alten, noch günstigen Mietvertrag will keiner aufgeben. Was doch frei wird, ist sofort weg oder landet in den Händen eines Maklers. Bei dem darf ich dann 2 Monatsmieten + Mehrwertsteuer dafür zahlen, dass er mir und 45 anderen die Tür aufschließt. Dann erschwerend kommt dazu, dass ich nicht alleine suche. Meine halbe Followerliste bei Twitter sucht auch. Nach praktisch der selben Wohnung. In der selben Lage. In der selben Stadt. Ich möchte das gar nicht auf die Gesamtbevölkerung hochrechnen, aber soviel seht fest: Es sind viele.

All das wäre gar nicht so schlimm, wenn es vernünftige Wekzeuge gäbe, sich durch das immer noch große und unübersichtliche Angebot in Berlin zu wühlen, und das zu finden, nachdem man sucht. Denn ich bin überzeugt, dass es das gibt. Ich finde es nur nicht.

Denn zwischen mir und meiner Traumwohnung steht ein Cerberus unglaublicher Ausmaße und Bösartigkeit. Es ist die dunkle Seite des Internets, eine gigantische Informationsversteckmaschine – konstruiert um seine Nutzer zu verwirren, zu verblöden und zu verärgern. Immobiliensuchseiten ignorieren jede Grundregel der ergonomischen sowie der technologischen Vernunft. Sie blasen einem das enthirnte Geschwurbel unnötig ausführlicher Immobilienanzeigen in tausendfacher Wiederholung um die Ohren, so lange bis der Gesunde Menschenverstand aufgibt und die weiße Fahne schwenkend tatsächlich glaubt, dass Küchenfliesen „charmant“ sein können und die Erreichbarkeit des Alexa-Einkaufszentrums mit öffentlichen Verkehrsmitteln und dem Auto ein Vorteil einer Wohnung ist.

Technologisch sind diese Seiten Machwerke, die dem unschuldigen Hirn 12jähriger Gymnasiasten anno 1998 auf dem Stand der damaligen Technik eingefallen sind. Dem, was der Nutzer inzwischen von modernen Web-„Applikationen“ gewohnt ist, widersprechen sie aufs Krasseste. Ich will bookmarken können, Seiten in neuen Fenstern oder Tabs öffnen. Ich will mich nicht ständig neu einloggen müssen, weil der Admin der Seite nicht weiss, wie moderne Benutzerauthentifizierung funktioniert. Ich will eine Menge Dinge, die überall selbstverständlich sind, ausser bei Immobilienseiten.

Eine Webapplikation zur Immobiliensuche, die die Bedürfnsse ihrer Nutzer respektiert wäre ein Durchbruch. Sie würde fast jedem, den ich kenne beträchtliche Mengen Frust ersparen. Sie würde von Millionen genutzt werden. Und es ist gar nicht so schwer, so etwas zu bauen. Die Prinzipien guter Usability und das technische Fundament, mit dem man so etwas umsetzen kann, werden in tausenden Webapplikationen heute erfolgreich angewandt.

Abseits der offensichtlichen Mängel, die sich grob in die Kategorien „Gesunder Menschenverstand“, „Respekt vor den Bedürfnissen und der Erwartungen der Nutzer“ und „Nur Leute mit Sachverstand dürfen an die Technik“ einsortieren lassen, habe ich ein paar Vorschläge was ich noch in so einer Plattform sehen möchte. Hier also die völlig freie und kostenlose Liste. Auf dass es jemand baut, der dabei von mir aus superreich wird und mir und meinen Ledensgenossen den Weg in den sicheren Wahnsinn erspart:

Bitte, bitte baut so etwas. Für meine aktuelle Wohnungssuche wird es wohl hoffentlich zu spät sein, aber ich würde mich bei der nächsten wirklich freuen. Und wenn jemand von einer Berliner Wohnung weiss, die mich interessieren könne: Aus „Gernot“ und der Domain dieser Website besteht die Mailadresse unter der ich erreichbar bin.

1. August 2008 23:08 | jana

beachtlicher artikel. wünsche weiterhin viel erfolg; meine berlin-connection hört sich für dich um. aber im moment ists echt wirklich schwierig was zu finden.

1. August 2008 23:52 | Björn

Feiner Artikel mit teils schönen Wortspielen und Eloquenz. Und netten Features.
Seite in neuem Tab öffnen hängt von der Webseite ab? Geht doch bei jedem Link.
Welche Seiten hast dir angesehn und was ist nun letztendlich der Grund, dass auch du nach Berlin ziehst?

Einige der Tipps (z.B Vcard Export) hätten mir auf jeden Fall ewig selbst erstellte Excellisten mit abgetippten Inhalten erstpart.

Viel Erfolg.

2. August 2008 00:57 | Gernot

Wenn die Website die ID des aktuell gezeigten Objektes mit der SessionID verknüpft, wird es schwierig, sich unterschiedliche Objekte unabhängig voneinander in mehreren Tabs/Fenstern anzuzeigen. Zu beobachten beim aktuellen Marktführer.

Der Grund warum ich nach Berlin ziehe hat ne Langversion und ne Kurzversion. Hier die kurze: Ich wollte schon immer mal da wohnen. Momentan kann ich es. Also mache ichs.

2. August 2008 07:45 | Jens

unterschreib

Als ich meine Wohnung in BO gesucht habe war das auch ein Akt. Wobei ich über die kreisrunde Umkreissuche noch richtig froh war. Besser als eine Suche nach ominösen zum Teil selbst ausgedachten Viertelnamen, die man nur auf der Immobilienseite findet.

2. August 2008 10:39 | Ivo

Tatsächlich suche ich auch gerade eine Wohung in Berlin auf den von dir so trefflich beschriebenen Websites. Viele deiner Notizen sind mir auch aufgefallen. Es ist unglaublich, dass allein die Einschränkung nach Gegenden so ungenau möglich ist. Vielleicht kannst du ja unsere Wohung hier haben, wenn du uns stattdessen unsere neue suchst ;)

3. August 2008 12:11 | Cedric May

Ich würde den neuen Service “Die Wohnungsfahnder” nennen. http://www.wohnungsfahnder.de ist seit kurzem auch wieder frei^^

Grüße.

3. August 2008 13:27 | paulinepauline

hach, das kann ich alles unterschreiben!

ich wünsche mir noch zusätzlich, dass man auf klick alle möbel aus den bildern entfernen kann. die meisten wohnungen sind so gräßlich eingerichtet, dass ich sie mir gar nicht leer vorstellen kann! ;)

und bei den kriterien möchte ich noch auswählen können, dass ich keine badezimmer mit hell-dunkelblau-verlauf sehen möchte! ;)

und ich möchte begriffe ausschließen können wie “traumhaft”, “romantisch” oder “weitblick”.

bei der maps-suche gibts nur leider das problem, dass viele anbieter die straße nicht genau angeben. :(

3. August 2008 18:39 | René

Da hilft vermutlich nur, den Umkreis zu erhöhen. Berlin hat schließlich noch mehr Kieze. Und auch der Umkreis von dem, was man in fünf Minuten mit dem Rad schafft, erweitert durchaus den potentiellen Wohnungskreis. Wenn sich alle nur auf das stürzen, was ohnehin schon überlaufen ist, wird die Situation dort auch nicht besser. Hier beispielsweise bei mir am Treptower Park sehe ich noch hin und wieder mal freie Wohnungen.

Zu den erwähnten Skript-Kiddies: Die frickeln rum, damit es irgendwie geht. Dieses radikale Killen der Session ist aber schon bösartig.

Ansonsten habe ich auch noch mal paar Gedanken dazu publizeriert

Zu den Features: RSS über neue Angebote, die den Kriterien entsprechen, wäre sicher auch nicht so verkehrt.

3. August 2008 19:02 | Peterlih

Jau, genau das was du schreibst ist uns auch schon bei der Bürosuche aufgefallen. Ergänzen kann man alles noch um einen Use Case rund um Anwendungen für mobile Geräte. Quasi unterwegs alle relevanten Angebote abklappern. Ist nur die Frage, ob man die kritische Masse erreichen kann. Immerhin fällt dem Durschnittsuser kaum auf, dass ihm eine personalisierte Suche fehlt … :-(

4. August 2008 13:37 | philip

ich muss hinzufügen, dass die karte oben natürlich auch noch teile von neukölln als zielort beinhaltet.

4. August 2008 14:13 | seba

wie auf twitter geschrieben. ich arbeite gerade an sowas. wenn jemand Lust hat, mitzuhelfen…

4. August 2008 23:08 | René

Noch eine kleine Anmerkung – aus eigener Erfahrung: Küchenfliesen können sehr wohl auch charmant sein (auch wenn das wohl eher die Ausnahme ist)

12. August 2008 13:46 | Florian

sind nicht schlecht aber noch recht am Anfang, Metasuche http://www.nuroa.de

15. August 2008 18:17 | heyhndie

Hey, Du bist aber sehr auf hippe Gegenden beschraenkt.
Schoeneberg etwa (rote Insel, Crellestr. Akazienkiez) ist
auch prima, und zentral. Und was die Suche angeht, waren die Anzeigen in der
Morgenpost und der Zweiten Hand immer am besten…

29. August 2008 11:20 | Artis Cordobo

Deine Idee für eine an die Bedürfnisse des Suchenden angepasste Suchmaschine ist übrigens prima. Wieso setzt du sie nicht selbst um? Oder meldest dich bei mir ;)

Ich kenne das leider aus eigener Erfahrung. Die (momentan noch) vorherrschenden Dienste sind nicht aus der Perspektive des Benutzers entwickelt worden, hier ist es auch keine Entschuldigung, das deren Konzept möglicherweise bereits 1999 entstanden ist und seitdem nicht weiterentwickelt wurde.

Wie hat sich denn deine Wohnungssuche bisher entwickelt? Erfolgreich verlaufen?

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