Wo sind die Lobbygruppen, wenn man sie braucht?
Wir haben ein ernsthaftes Problem. Nicht mit dem Web, vielleicht mit Yahoo oder Google, aber auf alle Fälle mit der deutschen Politik:
- Flickr zensiert seine Bilder. Zuerst schalten sie SafeSearch zwangweise für jeden in Deutschland an, jetzt kann man es vermeintlich ausschalten und Bilder, die als “moderate” gekennzeichnet sind, sehen. Das Problem: Bilder, die “restricted” sind, bleiben nach wie vor tabu. Für jeden. Grund ist die Angst Yahoos vor dem unberechenbaren deutschen Rechtssystem in Zusammenhang mit der Forenhaftung.
- Google droht Google Mail in Deutschland abzustellen: Schuld sind Pläne, E-Mailadressen nur noch zuzulassen, wenn derjenige, der das Mailkonto eröffnet, persönlich identifizierbar wird.
- YouTube verzögert seine deutsche Version, während es in anderen Ländern (mit wesentlich kleineren Märkten) lokalisierte Versionen anbietet. Gründe: Die GEMA und die Forenhaftung.
- Auch Last.fm muss fürchten, dass es für Inhalte seiner Nutzer haftet: Eine Kooperation mit Spiegel online wurde aus diesem Grund nach kurzer Zeit abgebrochen.
- Nach wie vor rollt eine Abmahnwelle durch das deutsche Internet: Das Problem: Abmahnungen kosten viel Geld, unabhängig davon, ob sie berechtigt sind oder nicht. Der Abmahnung zu widersprechen ist sehr risikoreich und oft noch viel teurer.
Diese Liste ließe sich beliebig lange fortsetzen.
Jetzt gibt es mehrere Möglichkeiten darauf zu reagieren, am Beispiel Flickr sollen sie hier mal durchexerziert werden:
- Die Situation akzeptieren: Das Problem, ist, dass die Kriterien, nach denen Bilder bei Flickr als “restricted” eingeordnet werden und den Kriterien, nach denen der deutsche Jugendschutz indiziert, fast nichts miteinander zu tun haben. Flickr filtert auch völlig harmlose Bilder wie Stadtansichten. Und muss man sich wirklich gefallen lassen sich als zahlender (!) Kunde als unmündiger Jugendlicher klassifizieren zu lassen?
- Kopf in den Sand: Auf eine internatinale Yahoo-ID umschwenken und hoffen, dass Yahoo seine User nicht irgendwann nach der IP einsortiert. So ist alles wie immer.
- Auf einen anderen Dienst (Vorschlag: Ipernity) wechseln: Das tut immerhin Flickr weh. Aber es löst das Problem nicht, auch Ipernity wird Probleme mit der deutschen Justiz bekommen, wenn sie größer sind oder gekauft werden.
Bleibt als vierter Weg noch, endlich seine Stimme in unserer Demokratie zu erheben, auf diese Misstände hinzuweisen, und zu hoffen, dass sich was ändert. Ich hoffe, dass diese Themen mehr Öffentlichkeit finden und erste Erfolge stellen sich ja bereits ein.
Ich würde mir wünschen, dass die Politik endlich aufhört, IT-Themen als kleine Randthemen zu belächeln und merkt, dass die Situation, die der aktuelle juristische Wildwuchs schafft, ein gewaltiges Hindernis für die Entwicklung der IT-Industrie darstellt.
Ich würde mir wünschen, dass Konzerne wie Yahoo oder Google ein wenig mehr Mut hätten, und es bei rechtlicher Unsicherheit auch mal auf eine Klage ankommen lassen. Stattdessen ziehen sie sofort den Schwanz ein, und schießen in vorauseilendem Gehorsam weit übers Ziel hinaus – das eine kostet eventuell Geld, das andere kostet mit Sicherheit Kunden.
Ich würde mir wünschen, dass eben diese Unternehmen endlich mal ihren Einfluss geltend machen. Politik funktioniert leider über Lobbyarbeit, warum findet das bei diesen Themen so offensichtlich nicht statt? Diese Mißstände zu beseitigen ist durchaus im Interesse der Konzerne!
Und zu guter letzt würde ich mir wünschen, dass diejenigen, die sich mit der Thematik auskennen, nicht immer sofort in Übertreibungen, Stasi-2.0-Vergleiche und wilde Verschwörungstheorien abgleiten. Sondern so über die Situation informieren, dass sie ernst genommen werden. Denn wenn kein Problembewusstsein in der Bevölkerung vorhanden ist, dann ändert sich nichts. Und es trifft eben auch diejenigen die “nichts zu verbergen” haben, die keine Bilder von nackten Menschen durch die Datenleitungen jagen, und auch sonst einen völlig normalen und rechtschaffenen Lebenswandel pflegen.
100%ige Zustimmung. Stiefmütterlich wird die IT behandelt und das wird sich in Zukunft viel stärker noch auf die Wirtschaftskraft Deutschlands auswirken. Hier in Österreich steht man den Entwicklungen ein wenig positiver gegenüber, vielleicht weil das Land kleiner ist und das große Potential sieht..?
bitte den artikel auf yigg unterstützen :)
Du hast vollkommen recht. Bleibt nur noch zu überlegen, wie man seine Stimme in unserer Demokratie dazu am besten erhebt. Ein Blogeintrag wie dieser hier ist sicherlich ein guter Schritt. Jetzt wird erstmal geyiggt!
“Gernot hat einen, wie ich finde, sehr guten Artikel zum Thema Web 2.0 in Deutschland geschrieben…”
Wo sind Blogs, wenn man sie mal braucht? Klar gibt es immer wieder irgendwelche kurzen “Sau durchs Dorf treibenâ€-Sachen. Aber kontinuierlich kümmern sich nur wenige Blogs um diese Fragen, um Aufmerksamkeit zu schaffen. Das Blog Netzpolitik.org macht das meiner Meinung nach schon sehr vorbildlich. Wir brauchen mehr davon.
[Edit von Gernot: Bitte als Namen nicht Gernot reinschreiben, wenn du nicht ich bist… Das verwirrt, ich habs in “anonym” geändert.]
Guter Artikel. Du bist mir zuvorgekommen. Wenn ich wieder ein wenig mehr Zeit habe, bringe ich auch noch einen Aspekt rein.
Es ist wirklich traurig, daß wir auf Seiten der Legislative und Judikative soviele DAUs haben, die beratungsresistent uns allen das Leben so schwer machen.
Hm, scheinbar sprengte die plötzliche und durch Twitter ausgelöste Beliebtheit dieses Artikels das System von Yigg.de: Deren Eintrag über diese Story wurde automatisch gelöscht, weil er zu schnell beliebt wurde. Wow.
Paulinepauline hat die Story nochmal reingestellt, hier ist der Link: http://www.yigg.de/183995
Ja, etwas eigenartig. Vor allem diese Ironie: Zensur zensieren :) Bzw. Zensurkritik zensieren.
Ich denke aber, dass die Yigg Jungs das wirklich nicht böse meinten. Nervig ist soetwas aber schon. Hoffentlich verbessern sie ihre Automatik.
Guter Beitrag!
Ich würde mir wünschen, dass eine solche gute Bewegung nicht direkt in den Schmutz gezogen wird, indem einige Spinner definitiv nicht jugendfreie und schlichtweg ekelige Bilder dann absichtlich posten. Und diese Leute sollten auch nicht mit den wüstesten und sehr bedenklichen Beschimpfungen losschreien. Mit solchen Leuten will ich nicht zusammen protestieren…
Eine Demo wird auch durch Randalen und Steineschmeisser entwertet, egal wie gut der Zweck war. The cause is the way!
Weiter so Gernot
Genau gestern habe ich mich mit ein paar anderen Leuten dazu unterhalten und bin fast ganz deiner Meinung. Nur sehe ich nicht nur die großen Unternehmen in der Verantwortung die Öffentlichkeit darüber zu unterrichten, dass in unserem Land einiges nicht mehr zeitgemäß läuft.
Sehr guter Text, sehr gute Idee!
Das Problem ist natürlich, dass “Lobbyarbeit” sich schon sehr ekelig anhört und sowas für Leute, die schon Werbung in Blogs für den Teufel halten, vermutlich … äh: noch schlimmer ist.
Man könnte aber mal anfangen, seine Bundestagsabgeordneten auf sowas anzusprechen. Die werden in aller Regel keine Ahnung haben, wovon man spricht, aber vielleicht würden sie wenigstens begreifen, dass das Internet nicht nur aus Betrügern, Kinderschändern und Terroristen besteht.
”...aber vielleicht würden sie wenigstens begreifen, dass das Internet nicht nur aus Betrügern, Kinderschändern und Terroristen besteht.”
Und das ist umso wichtiger, da sich Schäuble ja gerade zum Abhör-Rundumschlag im Web anschickt (http://www.heise.de/newsticker/result.xhtml?url=/newsticker/meldung/91633&words=Sch%E4uble&T=sch%E4uble). Wenn das durchgeht, können wir in D-Land web 2.0 vergessen – dann will so schnell keine größere Firma sich potentiell die Finger an uns verbrennen und wir werden zur Internet-Diaspora…
Und ja, Gernot, schöner Artikel, die Punkte gut zusammengefasst.
Sehr gute Initiative! Es muss endlich jeder in Deutschland erkennen, dass Internet- und Technikfeindlichkeit das Land langfristig ins Abseits steuern.
Der Artikel is wirklich klasse! Er spiegelt genau meine Meinung wieder!
Schließe mich an und gebe hinzu, dass die korrekte Adresse der Flickr-Alternative http://ipernity.com/ ist..
Ach noch was, Lobbyarbeit sind auch genau diese Ankündigungen, bestimmte Dienste in Deutschland nicht mehr zur Verfügung zu stellen. Schließlich wird das Thema dann vielleicht endlich breit diskutiert und die Politik schnallt über Bande, dass der Schaden durch das Signal: “Deutschland ist technologifeindlich, hier kann man kein digitales Business machen” größer ist, als die eventuelle Schäden, die aus offener und liberaler Gesetzgebung entstehen könnten.
gut dass ich russisch kann. da gibt es solche probleme nicht. das runet ist das freieste internet was es gibt! jeder kann posten und schreiben was er möchte und muss sich keine gedanken zu machen von zwielichtigen gestalten abgemahnt zu werden…
Ich würde mir wünschen, dass die Internet-Unternehmen VOR einer Entscheidung oder Äußerung mal sauber recherchieren würden, was Sache ist. Beispiel Googlemail: Da geht Google davon aus, dass mit der Vorratsdatenspeicherung anonyme E-Mail-Konten verboten werden. Tatsächlich steht das gar nicht im Gesetzentwurf, war nur vorher im Gespräch (und kann auch hinterher noch rein kommen), ist aber derzeit kein Thema. Statt sich sauber zu informieren, werden Konsequenzen in die Welt geblasen, die unnötig sind. Und bei Flickr etc. ist es ähnlich: klare juristische Beratung sieht anders aus.
Google, Yahoo & Co sind doch schon ganz groß im Lobby-Geschäft. Allein die PR-Schlacht um Internet-Neutralität war beachtlich.
Es gibt aber zu beachten: Die Lobbyisten versuchen vor allem Geld zu sparen.
@Thomas Wiegold
Tatsächlich steht das gar nicht im Gesetzentwurf, war nur vorher im Gespräch (und kann auch hinterher noch rein kommen), ist aber derzeit kein Thema.
Wenn man erst darauf reagieren würde, wenn es drin steht, wäre es zu spät. Und wenn es kein Thema ist, braucht sich niemand Sorgen machen, daß sich Google zurückzieht. Ist nur eine klare Ansage, was passiert, wenn man den ursprünglichen Plan doch umsetzt.
Und bei Flickr etc. ist es ähnlich: klare juristische Beratung sieht anders aus.
Nun das hängt wohl vom Juristen ab, nach dem Motto 5 Juristen haben 20 verschiedene Meinungen ;-)
In der Praxis der Gerichtsentscheidungen ist momentan vieles ein Vabanquespiel, bei dem man sich besser auf die sichere Seite begibt. Es sei denn, man hat den Mumm Auseinandersetzungen durchzuziehen, yahoo ist dafür nicht bekannt.
Zu diesem Thema habe ich kürzlich auch etwas gebloggt und die größten rechtlichen Hemnisse für das Internet in Deutschland zusammengefasst:
http://www.gulli.com/news/filmpiraterie-gefaehrdet-die-2007-06-25/
Toller Artikel, Danke! :)
Guter Artikel!
Frau Schavan möchte beklagt heute schon die fehlenden Fachkräfte: link: Klick
In zehn Jahren wird man sicherlich wieder einen ähnlichen Plan auf den Tisch legen, um die heutigen Fehler mit viel Geld und wenig Erfolg auszubügeln.
Du beschwerst Dich, dass die Konzerne keine Lobbyarbeit machen. Mach sie doch selbst. Auch Du kannst Deine Politiker besuchen. Es ist einfach.
[...] und einem grob fahrlässig handelnden Gesetzgebers beherrscht werden, gibt es ebenfalls zuhauf. Ich hatte darüber geschrieben. (Und es hat ganz gut Wellen geschlagen. Wer will, kann sich ein Radiointerview auf Fritz von mir [...]
[...] Branche wundern sich über die Internet/IT Gesetzgebung in Deutschland. Mit seinem Artikel: “Wo sind die Lobbygruppen, wenn man sie braucht?” hat Gernot vor kurzem einiges Aufsehen erregt und vielen aus der Seele gesprochen. Das hat [...]
[...] Franz bin ich auf den guten Artikel von Gernot Poetsch gestossen. Seinen Blogpost zum Thema Lobby fand ich vor kurzem schon sehr respektabel und treffend. Nun geht er einen Schritt weiter und [...]
[...] der Online-Welt nach Aufklärung und Bewusstseinswandel immer lauter. Unter anderen haben sich Gernot und Kai der Thematik bereits ausführlich angenommen, von Gernot kam heute sogar ein Vorschlag [...]
[...] fühlt sich jetzt auch sicher Gernot Poetsch, der schon vor zwei Wochen eine fehlende Lobby für solche Belange anprangert hatte. Ihm konnte ich da schon voll und ganz zustimmen. Till [...]
Mehr http://guillemets.de/weblog/dont-mess-with-the-bunnies-mr-schaeuble... danke, Gernot für deine geschätze Hilfe. Das mit dem Logo schaffe ich es leider überhaupt, krieg ich noch Luft? ;)
Und mehr Kritik seitens der Politiker . Das wird was.
[...] Wo sind die Lobbygruppen, wenn man sie braucht? | poetsch.org Lesebefehl! (tags: Abmahnungen Datenschutz Gesellschaft Lobbying Medienpolitik Urheberrecht Zensur Überwachung) [...]
Danke für diesen Artikel, Deutschlang hinkt einmal wieder Jahre hinterher, warum? Weil niemand auf die Menschen mit Zeitgeist hört und und als geeks verurteilt…
Da hilft mal wieder nur die Guerilla-Taktik als Revolution von unten – hoffentlich gewinnt die schnell an kritischer Masse – Spread the News!
[...] Informationen Gesetze wie das zweifelhafte neu Urheberrecht oder den Hacker-Paragraphen “durchwinken” will Gernot Poetsch etablieren: So schlägt er eine Initiative vor, die sich zur Aufgabe [...]
[...] heute gestern ist die Plattform der Netzverbesserer Online. Anstoß waren ein Blogeintrag von Gernot sowie die entsprechende Session beim BarCamp. Die Plattform läuft ebenfalls über die [...]
[...] Die Filter, die auf spiegel.de verhindern sollten, “dass rechtsradikale, andere illegale oder nicht jugendgerechte Inhalte“ über die Einbindung von last.fm zugänglich würden, seien “noch nicht dicht genug“, so spiegel.de in einer eigenen Stellungnahme. Die Rechtslage in Deutschland macht derzeit Betreibern von Webservices, wie Flickr, youtube oder last.fm das Leben schwer, bzw. diese etwas übervorsichtig. Die in den letzten Tagen schwer kritisierte Vorgehensweise von flickr ist unter anderem sicher eine Folge davon. Mehr zu diesem Thema gibt es auf poetsch.de [...]
sehr schöner Artikel Gernot!